
DIE SECHZEHNERJOLLE,
SEIT MEHR ALS FÜNFZIG JAHREN EIN BEGRIFF
Das Erscheinungsbild der Sechzehnerjolle ist unzertrennlich mit den friesischen Gewässern verbunden. Eigentlich wurde dieses offene Segelboot vor allem dadurch bekannt, daß es mit dieser Klasse aufgrund ihrer Erschwinglichkeit den Segelsport für Tausende von Menschen zugänglich machte. Der Vater dieses Bootes war ein gewisser Hendrik Bulthuis, geboren 1892 im friesischen Burgum und nicht zu verwechseln mit einem anderen Sprößling aus der Familie, Nanning Bulthuis. Der beschäftigte sich hauptsächlich mit dem Bau von Flachkielschiffen. Hendrik Bulthuis war ein vielseitiger Mann. Von Beruf war er Friseur, aber seine Gedanken schweiften oft zum Bau von Segelbooten ab. Obwohl der Wassersport zu seiner Zeit eigentlich noch in den Kinderschuhen stand, war er schon als kleiner Junge ein fanatischer Wassersportler. Ihn ärgerte vor allem die Tatsache, daß der Segelsport im Prinzip nur eine Sache der besser Situierten war, die sich beispielsweise einen Bojer oder Tjotter leisten konnten. Er hatte schon früher einmal eine Jolle traditioneller Bauart entworfen, aber er suchte weiter nach einer Methode, mit der ein Boot gebaut werden konnte, das für jedermann erschwinglich war und trotzdem gute Segeleigenschaften besaß. 1923 baute er sein zweites Boot, nun in der sogenannten Lattenbauweise, die er auf ganz eigene Weise anwendete. Er brachte nämlich acht Malle auf dem Kopf eines Baugerüstes an. Die Bootshaut wurde anschließend aus schmalen Latten aufgebaut, die aufeinander und auf die Spanten genagelt wurden. Die eingebauten Malle blieben im Rumpf und fungierten als Spanten. Diese Bauweise wird bis heute zu Recht die Bulthuis-Methode genannt. Der Herstellungspreis für dieses sechs Meter lange Boot lag jedoch beträchtlich über den von ihm geplanten hundert Gulden. Von diesem Vorläufer der Sechzehnerjolle wurde zwar eine Anzahl gebaut und es wurden auch Regatten damit gesegelt. Trotzdem bemühte er sich weiter um einen preiswerteren Entwurf. Schließlich erblickte im Jahre 1928 sein Ideal das Licht der Welt in Gestalt der BM, der "Bergumer Meer", einer kleinen Jacht von vier Meter fünfundsiebzig Länge, anderthalb Meter Breite und einer Segelfläche von zwölf Quadratmetern. Die Baukosten betrugen ungefähr einhundert Gulden und sie wurde außerordentlich populär. Das Interesse für das eingangs erwähnte Sechs-Meter-Boot war trotzdem immer noch vorhanden, da es relativ gesehen, obwohl etwas teurer als ursprünglich gedacht, doch ein äußerst preiswertes Boot war. Bulthuis bot den Entwurf dieses Schiffes dem damaligen nord-niederländischen Wassersportverband an. Der technische Ausschuß dieser Organisation nahm am Bulthuis-Entwurf einige Änderungen vor. So entstand schließlich die NNWB-Sechzehnerklasse, die im Jahre 1931 als offizielle Segelklasse anerkannt wurde. Dieses Boot, das bis heute noch immer als vergrößerte BMer bekannt ist, konnte für ungefähr zweihundert Gulden gebaut werden und wurde ein durchschlagender Erfolg. Tausende von Booten wurden später nach diesem Entwurf gebaut, im nationalen wie auch im internationalen Rahmen. Nebenbei bemerkt ist von seinem Ideal, einem erschwinglichen Segelboot, nicht viel übriggeblieben. Eine neue, ganz aus Holz gebaute Sechzehnerjolle, ausgerüstet für das Segeln von Regatten, kostet zur Zeit mehr als vierzigtausend Gulden. Man kann aber für einen Betrag zwischen fünf- und zehntausend Gulden schon eine ordentlich gepflegte, gebrauchte Sechzehnerjolle mit Mahagoni- oder Teakholzrumpf erwerben, was natürlich vom Alter und Zustand abhängig ist. Irgendwann kam ein Verleiher von Sechzehnerjollen auf die Idee, die Boote aus verklebtem Holz zu fertigen. Seine Boote wurden nämlich von den Seglern ziemlich grob behandelt, so daß die meisten am Ende der Saison so leck wie ein Sieb waren. Diese Boote aus verklebtem Holz sind im Herstellungspreis etwas billiger und vor allem seitens der Bootsverleihbetriebe gab es hierfür einen Bedarf.
Mit dem Beginn des Polyester-Zeitalters rund 1960 gab es wieder einige Veränderungen. Die Boote wurden jetzt auch mit Polyesterrumpf und Holzaufbauten oder ganz aus Polyester geliefert. Durch den Einsatz von Polyestermaterialien konnten die Produktionskosten für die Sechzehnerjolle beträchtlich gesenkt werden und ein weiterer Vorteil war der viel geringere Pflegeaufwand. Die Erfindung und die Anwendungsmöglichkeiten von Polyester hatten jedoch auch zur Folge, daß immer mehr neue Entwürfe auf den Markt kamen, die relativ preiswert zu bauen sind. Auch andere, bereits erhältliche Segelboote, wie beispielsweise die Valk-Klasse, konnten jetzt aus Polyester gefertigt werden. All diese Entwicklungen haben die Sechzehnerjolle jedoch nicht ins Abseits drängen können. So sind diese Boote noch immer ein festes Erscheinungsbild auf den Gewässern unseres Landes. In den Niederlanden gibt es sogar eine Organisation, die "Zestienkwadraat Klasse Organisatie", die sich die Förderung vor allem der Sechzehner-Regattajolle zum Ziel gesetzt hat. Diese landesweit operierende Organisation hat mehr als siebenhundert Mitglieder, worunter nicht weniger als fünfhundert aktive Regattasegler. Außer einer jährlichen Meisterschaft werden in Zusammenarbeit mit Segelvereinen der verschiedenen Regionen auch Klassenausscheidungen organisiert. Ein Mal aller fünf Jahre wird zu Ehren von Hendrik Bulthuis auf dem "Bergumer Meer" ein landesweiter Klassenausscheid gesegelt. Bulthuis hätte damals mit der Entwicklung seiner Bauweise reich werden können, aber das war nie seine Absicht. So kamen beispielsweise die Erträge aus den Rechten, die eine Werft bezahlen mußte, um seinen Entwurf nutzen zu können, ganz dem Wassersportverband "Bergumer Meer" und dem NNWB zugute. Wie sein Leben und sein Werk zeigen, war das Motivieren von Menschen zur Teilnahme am Wassersportgeschehen immer eine seiner größten Triebfedern.
Mit Dank an das Friesische Schiffahrtsmuseum in Sneek.
© 1997 KY - D. Kaldenhoven / Schoenmaker MultyMedia · 1401