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HINDELOOPEN, EINE STADT FÜR SICH
Niemand kann genau sagen, wann das Dorf Hindeloopen eigentlich entstanden ist. Man fand aber heraus, daß die Normannen das Dorf im Jahre 779 geplündert und teilweise in Schutt und Asche gelegt haben. Auch der Ursprung des Namens Hindeloopen ist unbekannt. Aufgrund der Tatsache, daß im Stadtwappen eine Hirschkuh, auch Hindin genannt, vorkommt, nimmt man an, daß der Name einer Furt für Hirsche entlehnt wurde, was aber nur eine Vermutung ist.
Sicher ist, daß der Ort 1225 das Stadtrecht erhielt. In historischen Quellen wird seit 1325 über die Hindeloopener Schiffer berichtet, die hauptsächlich aus England Wolle, Holz, Eisen und Schiffsfässer transportierten. König Edward der Dritte, der in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts gegen Schottland Krieg führte, schloß im Jahre 1367 einen Vertrag mit den Kaufleuten aus Hindeloopen und Staveren, der dem Handel großen Auftrieb gab. Der Vertrag besagte, daß die Schiffer aus Hindeloopen und Staveren kein Getreide und keine Pferde und Waffen nach Schottland bringen durften. Als Gegenleistung erhielten die Schiffer vom König einen Freibrief für den Transport von allerlei Handelswaren nach Calais. 1368 trat Hindeloopen dem Hanseverband bei, wodurch der Handel noch weiter ausgedehnt werden konnte. König Albrecht von Schweden schloß im Jahre 1370 einen Bund mit den Hansestädten, was wiederum verschiedene Handelsvorteile zur Folge hatte. Da die Bürger von Hindeloopen Albrecht bei seinem Kampf gegen Dänemark halfen, durften sie im Süden von Schweden eine eigene Handelsniederlassung gründen, wodurch sie ihre Interessen beim Im- und Export einfacher und schneller wahrnehmen konnten. Außerdem durften die Hindeloopener Seeleute frei in den südschwedischen Gewässern fischen und obendrein abends kostenlos Bier zapfen.
Die große Blütezeit von Hindeloopen brach jedoch im 17. Jahrhundert an. Der Handel hatte sich ausgedehnt: Außer in die skandinavischen Länder fuhren die Schiffe jetzt auch in die Ostseeländer, nach Rußland und sogar nach Ostindien. Die ganze Stadt lebte jetzt von der Handelsschiffahrt. Kaufleute und Reeder aus Amsterdam beschäftigten Seeleute aus Hindeloopen. Die Schiffe, die an der Zaan gebaut wurden, hießen "Flöten"; es waren schmale und schnelle Segelschiffe.
Handel und Schiffahrt beherrschten auch die Jahreszeiten in Hindeloopen. Im Frühjahr und im Sommer gab es in Hindeloopen nur Frauen und Kleinkinder und vereinzelt ein paar Greise. Die Männer waren alle auf See. Im Sommer bezogen die Frauen mit ihren Kindern die sogenannten "Likhûzen", die kleinen Häuschen am Wasser, hinter den großen Wohnhäusern. Sie taten das aus Bequemlichkeit, denn der Haushalt war offensichtlich nicht ihre Lieblingsbeschäftigung. Auf diese Weise blieb ja das große Haus schön sauber und das Sommerhaus war schneller aufgeräumt und besser sauber zu halten, wodurch sie Zeit hatten für andere Dinge. Im Herbst kamen die Männer von ihrer großen Fahrt zurück und brachten die Schiffe nach Amsterdam, wo sie für den Winter vor Anker gingen. Weil Hindeloopen keinen Hafen, sondern nur eine Reede hatte und weil die Schiffseigner in Amsterdam wohnten, war für die Hindeloopener Seeleute Amsterdam der Heimathafen. Wenn die Männer nach Hause kamen, hatten sie mit ihrer Arbeit viel Geld verdient. Die Frauen gingen dann oft mit ihren Männern mit nach Amsterdam, um Einkäufe zu tätigen. Sie verbrachten dort einige gesellige Tage, meist bei Verwandten, da sich inzwischen einige Alt-Hindeloopener in Amsterdam angesiedelt hatten. Sie konnten dann die Freuden der Großstadt ausgiebig genießen, beispielsweise auf der Kirmes oder bei einem ausgedehnten Einkaufsbummel. Auf dem Rückweg nahmen sie die eingekauften Waren, vor allem viele Stoffe, um daraus Kleidung zu nähen, mit nach Hindeloopen, worauf dann der Winter begann. Die Männer mußten sich wieder an ein ganz anderes Leben als das der letzten Monate gewöhnen; der Druck eines oft abenteuerlichen Lebens auf See wurde zu einem besinnlichen und ruhigen Leben in der Stadt. Es war deshalb auch im Winter, als das Hindeloopener Kunsthandwerk zur Blüte kam. Die Männer hatten auf ihren Reisen im Ausland allerlei Holzmalereien und Schnitzwerk gesehen und viele hatten Holz und Farbe mitgenommen. Sie wollten sich im Winter selbst einmal künstlerisch betätigen, in erster Linie nur, um beschäftigt zu sein. Diese Arbeiten entwickelten sich zu einer ganz eigenen Mal- und Interieurkunst, die für Hindeloopen kennzeichnend wurde. Man war im Winter jedoch nicht immer nur ruhig an der Arbeit. Manchmal packte die Leute die Langeweile und es wurde kräftig getrunken. Man weiß von häufigen Gerichtsprozessen wegen Vandalismus zu berichten. Ende Februar sah das Stadtbild wieder ganz anders aus. Die Männer und auch die Jungen ab 6 Jahren fuhren zur See und die Straßen wurden wieder nur von Frauen und Kleinkindern bevölkert.
Ein Hindeloopener Bürger, der historische Bekanntheit erwarb, war der Schiffer Auke Wybes. Dieser Kapitän, der sehr abenteuer- und unternehmungslustig war, unternahm Anfang des 18. Jahrhunderts eine Fahrt nach Rußland und segelte mit seiner "Flöte" auf den Fluß Newa. In einer Schaluppe kam ihm ein einfacher Mann entgegen und lotste ihn an den Sandbänken entlang in die Flußmündung zu einem sicheren Ort, wo er vor Anker ging. Während der Mahlzeit, die der Schiffer danach angeboten bekam, bemerkte Auke Wybes zu seinem großen Erstaunen, daß der Lotse, der ihm so behilflich war, kein Geringerer als Zar Peter der Große war. Der Zar, der sein Land zu großem Wohlstand bringen wollte, versprach dem Hindeloopener Schiffer eine Belohnung von hundert Rubeln für jedes Mal, daß er wieder mit Fracht die Newa befahren würde. Außerdem bräuchte er keinen Zoll zu zahlen und würde sein Schiff in den Häfen beim Löschen der Ladung immer mit Vorrang behandelt werden. Auke Wybes segelte noch oft mit Handelsware nach Sankt Petersburg, die Festungsstadt an der Newa, die der Zar hatte bauen lassen. So wurde Auke Wybes, der sein Schiff auf den Namen "Petersburg" taufte, einer der reichsten Einwohner von Hindeloopen. Die vom Zaren gewährten Vorzugsrechte waren an dieses Schiff gebunden. Auch der Sohn und der Enkel von Auke unternahmen mit diesem Schiff Fahrten nach Rußland. Als sein Enkel, nach dem russischen Zaren Peter benannt, schließlich nicht mehr zur See fuhr, gab es für das Schiff viele Interessenten, natürlich wegen der vielen Vorrechte, die das Schiff in Rußland hatte. Peter Wybes beschloß jedoch, die "Petersburg" abzuwracken, da er die Familie des Zaren nicht in Verlegenheit bringen wollte.
Nach einer langen Periode großen Wohlstands begann Ende des 18. Jahrhunderts für Hindeloopen der Niedergang. Der Handel ging immer mehr zurück, in der Franzosenzeit kam er sogar ganz zum Erliegen. Natürlich hatte dies verheerende Folgen für die Stadt. Hindeloopen, das sich immer sehr an Amsterdam orientiert hatte, war jetzt gezwungen, sich auf Friesland zu besinnen. Die Hindeloopener wurden seit einigen Jahrhunderten zum ersten Mal mit Armut konfrontiert. Einige Familien zogen nach Amsterdam um, mit der Absicht, dort als Matrose oder in einem anderen Beruf Arbeit zu finden. Häuser standen leer und verfielen. Langsam verkümmerte die Stadt. Anfang unseres Jahrhunderts war die Fischerei eine Einkommensquelle, die einen kleinen Aufschwung bewirkte. Mit der Abtrennung des heutigen IJsselmeers war auch diese Quelle versiegt.
Durch die jahrhundertelange wirtschaftliche Abhängigkeit von Amsterdam und die Orientierung auf das Ausland, vor allen die skandinavischen und die Ostseeländer, hat sich Hindeloopen auf eine ganz typische Weise entwickelt, die lossteht von der anderen friesischen Kultur. Das zeigt sich unter anderem in der Sprache, Hylpersch genannt, die stark vom Friesischen abweicht. Ferner zeigt sich das auch in der speziellen Wohnkultur und der Kleidertracht, die sich ebenfalls sehr vom restlichen Friesland unterscheiden. Typisch für die Hindeloopener Einrichtungsgegenstände sind die rot, blau, grün und weiß bemalten Möbel, die zierlichen Holzschnitzereien und die mit Tiermotiven, Landschaften und biblischen Darstellungen bemalten Wandfliesen. Vor allem im 18. Jahrhundert hatte das Hindeloopener Kunsthandwerk seine Glanzzeit, sowohl im handwerklichen Sinne, als auch in bezug auf die Originalität. In Hindeloopen werden noch immer Gebrauchs- und Kunstgegenstände auf traditionelle Weise gefertigt. Diese kunsthandwerklichen Produkte finden ihren Weg in die ganze Welt.
Im heutigen Hindeloopen zeugen noch verschiedene Überbleibsel von der früheren Glanzzeit. Seit 1972 steht Hindeloopen als "geschütztes Stadtbild" unter Denkmalschutz. So gibt es noch einige Kapitänshäuser aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Auch sind noch einige "Likhûzen", die früheren Sommerhäuser für die Frauen und Kinder, zu besichtigen. Das Rathaus an der "Nieuwe Weide" befindet sich in einer früheren Kaufmannswohnung. Im Museum "Hidde Nijland Stichting", das seinen Sitz im früheren Stadthaus am "Dijkweg" hat, können Sie sich einen gründlichen Einblick in die Hindeloopener Kultur verschaffen. Vom Wohnstil über die Kleidung, bis hin zur Möbelkunst und Malerei ist hier alles reichlich vertreten.
Wenn Sie Hindeloopen im Sommer einen Besuch abstatten, dann verweilen Sie bei dem Gedanken, durch eine in vielen Hinsichten besondere Stadt zu laufen: friesisch und wiederum nicht friesisch, einzigartig im Erscheinungsbild, originell in der Kultur und äußerst geschichtsträchtig.
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